Editorial

Go soft.

Schon klar, manche mögen's härter. Aber im Großen und Ganzen ist der Mensch doch ein eher sanftes Wesen. Wenn wir im Sommer in den Dünen dösen, hätten wir gerne eine leichte Brise, keinen kräftigen Sturm. Wenn wir durch die Landschaft radeln, sind uns dezente Hügel und seichte Täler lieber als handfeste Steigungen und mörderische Gefälle. Und wenn wir mit den Kollegen auf Station Meinungs-verschiedenheiten austragen müssen, dann lösen wir diese meistens eher verbal-diskursiv als physisch-konfrontativ. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Sollte es beim Umgang mit Patienten auf Intensivstationen anders sein? So lang ist es jedenfalls noch nicht her, dass Ärzte oder Pflegekräfte die These, dass ein agitierter Patient, "abgeschossen" oder – euphemistisch – "ruhiggestellt" werden müsse, nicht nur hinter vorgehaltener Hand, sondern sogar während der Visite vertraten. Gerne gab man solch markige Sprüche vor jungen Studenten zum Besten. Das Leben, so die Botschaft, ist hart. Aber wir Intensivmediziner sind ganze Kerle und kümmern uns drum!

Die Zeiten haben sich geändert, auf gesellschaftlicher Ebene, aber auch auf den Intensivstationen. Die vorliegende 4. Ausgabe des Newsletter DER PAD MANAGER legt davon ein beredtes Zeugnis ab. Das Zeitalter der harten Intensivmedizin mit einer tiefen Sedierung um der lieben Ruhe willen, es ist vorbei. Eine Studie nach der anderen zeigt, dass jene Patienten rascher extubiert und früher entlassen werden können, die möglichst flach sediert werden. Diese Patienten entwickeln seltener ein Delir, haben weniger kognitive Langzeitfolgen und behalten den Aufenthalt auf der Intensivstation in insgesamt besserer Erinnerung. Je seichter, desto besser - das predigen mittlerweile auch praktisch alle relevanten Leitlinien. Härte ist out. Sanftes Patientenmanagement ist in.

In dieser Ausgabe finden sie reichlich weitere Munition (Pardon: Argumente) für die sanfte Tour, die beim Umgang mit agitierten und/oder intubierten Patienten für den Verzicht auf eine Sedierung oder zumindest für eine zurückhaltende Sedierung sprechen. Besonders markant: Die internationale SPICE-Studie etabliert erstmals eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Sedierungstiefe und Sterblichkeit. "Go soft" oder "je seichter desto besser" lässt sich jetzt noch überzeugender mit Daten belegen. Rebecca von Haken aus Heidelberg sieht das auch so.

Sehr eindrucksvoll ist auch, wie der Intensivmediziner Michael Felli aus Wien aus erster Hand über ein Delir berichtet, das er selbst durchleben musste. Felli wurde nicht tief sediert, aber wenn man ihn heute fragt, was ihm während der Delir-Episode geholfen hat, dann waren es das Tageslicht, der Besuch von Freunden und die regelmäßige morgendliche Visite. Alles Dinge, die überhaupt nur mitbekommen kann, wer nicht medikamentös "abgeschirmt" wird - noch so ein Euphemismus aus alten Zeiten.

Um Sedierung, oder vielmehr um ihre Vermeidung, geht es auch im Bericht von der Sitzung "Analgo-Sedation" vom 38. ISICEM-Kongress Ende März in Brüssel, den wir für Sie verfasst haben. Und dass der wache, aufmerksame Patient, den die Leitlinien empfehlen, nicht nur Theorie ist, sondern selbst unter schwierigen Umständen Realität werden kann, illustriert die Kasuistik von Detlef Kindgen-Milles aus Düsseldorf.

Wir wünschen eine angenehme - nein, wache und aufmerksame Lektüre. Bleiben Sie sanft!

Herausgeber: ORION Pharma GmbH, Notkestraße 9, 22607 Hamburg
Tel +49 (0) 40 / 89 96 89 - 0

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