Alles außer gewöhnlich – Folge 1

Die Epidemie oder: „Das würde ich sooo nicht sagen…“

Nach Schlaganfall und einer Woche in einem spanischen Krankenhaus – der spanischen Sprache nicht mächtig und vom lokalen Hygieneverständnis leicht irritiert – lande ich per ADAC Rücktransport in Deutschland. Endlich Sauberkeit, Ordnung und Verständigung.

Freitagabend, Ende Februar, es ist kalt. Ich werde auf meiner Bahre liegend schnell in den Wagen geschoben. Der Krankentransport vom Flugplatz ins Krankenhaus wird eine gute Stunde dauern. Ich bin entspannt und denke: alles wird gut.

Wir fahren los. Die Notärztin mit französischen Wurzeln sitzt neben mir und unterhält sich mit dem Sanitäter, erzählt von der dramatischen Situation im Krankenhaus, wie sie seit Tagen Leute mit leichten Symptomen einfach wieder nach Hause schickt. „Chacun sa merde.“ Der Sanitäter tippt auf seinem Handy, wartet, spricht dann auf Band: „... könntest Du Montag eine ganze oder halbe Schicht übernehmen?“

Die Ärztin erzählt, ein Kollege nach dem anderen melde sich ab, kein Personal mehr, die umliegenden Krankenhäuser machen alle nach und nach dicht.

Der Sanitäter tippt erneut, dann: „... könntest Du Montag eine ganze oder halbe Schicht übernehmen?“

Die Ärztin erzählt, es gebe bei ihnen keine freien Betten mehr, gar nichts, die Gänge seien voll, die Patienten stapelten sich.

Der Sanitäter wieder: „... könntest Du Montag eine ganze oder halbe Schicht übernehmen?“

Die Ärztin weiß auch nicht mehr, was man noch tun kann. Wenn das so weitergeht, bricht das ganze System zusammen!

Es ist einen Moment ruhig, der Wagen rauscht über die Autobahn und ich frage mich ernsthaft, ob eine Epidemie ausgebrochen sein kann, von der ich im Ausland nichts mitbekommen habe... Ebola kann’s ja eigentlich nicht sein... Hm, ob die Überführung nach Deutschland vielleicht doch nicht die richtige Entscheidung war? Wieso hat mir denn keiner etwas gesagt!?

Die Ärztin fragt den Sanitäter, wie viele Kollegen er noch hat und in mir breitet sich langsam eine unförmige Panik aus. „In meiner Liste habe ich vierundfünfzig und die werde ich alle anrufen.“ Tasten werden gedrückt: „... könntest Du Montag eine ganze oder halbe Schicht übernehmen?“

Ich versuche ruhig zu bleiben, mich abzulenken, überlege mir, wie viel Notfallausrüstung in den Wagen müsste, damit die Federung halbwegs in Anspruch genommen würde und ob dann überhaupt noch Platz für Passagiere wäre…

Der Fahrer wirft ein, das überrasche ihn gar nicht, überall werde doch nur noch gespart, das System sei doch sowieso kaputt!

„Das würde ich sooo nicht sagen...“ Tippgeräusche:“...könntest Du Montag eine ganze oder halbe Schicht übernehmen?“

Die Ärztin vermutet, dass es Kollegen gibt, die gar keine Symptome haben und trotz der dramatischen Situation nicht ans Telefon gehen.

„Das würde ich sooo nicht sagen...“, dann: „...könntest Du Montag eine ganze oder halbe Schicht übernehmen?“

Das Surren der Reifen auf dem Asphalt, hin und wieder vorbeirauschende Lichter, spärlicher Verkehr. Längeres Schweigen, nur unterbrochen von den ständig wiederkehrenden und gleichlautenden Anrufen des Sanitäters: „...könntest Du Montag eine ganze oder halbe Schicht übernehmen?“

Es ist wirklich wenig Verkehr, denke ich mir. Wir sind auf einer deutschen Autobahn, Freitagabend, das ist wirklich verdammt wenig Verkehr. Ob das an den Evakuierungsmaßnahmen liegt? Wahrscheinlich dürfen nur noch Spezialfahrzeuge…

Langsam fange ich an zu schwitzen unter meiner Decke, festgegurtet.

Plötzlich wendet sich die Ärztin zu mir und fragt, ob es in Spanien auch eine Grippewelle gebe. Vor Erleichterung reagiere ich zunächst nicht, muss fast lachen, schüttle dann verneinend den Kopf, wahrscheinlich leicht idiotisch grinsend, da die Ärztin mich einen Moment lang prüfend anschaut.

Dann verkündet der Sanitäter müde: „So, fertig, alle durch.“

Die Ärztin erzählt vom Skifahren in den Alpen, der Sanitäter und der Fahrer wollen noch zu McDonalds.

Wir kommen an. Ich werde von dem Trio bis ins Zimmer begleitet, und staunend kommentiert der Fahrer: „Oha, Einzelzimmer, wie nobel, die müssen hier ja ordentlich Geld haben!“

„Das würde ich sooo nicht sagen...“

„Das ist ein Isolationszimmer“, sagt die Ärztin. „Wegen der spanischen Keime.“

 

 

Herausgeber: ORION Pharma GmbH, Notkestraße 9, 22607 Hamburg
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